Universität Bremen

Fachbereich 11

Entwicklung pflegerischer Handlungsautonomie durch Prozesse beruflicher Bildung (Promotionsprojekt)

Leitung
  • Karin Radke

Betreuung

Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck

Kurzbeschreibung

Durch die nachweisbare Zunahme multimorbider Krankheitszustände, chronisch - degenerativer Erkrankungen und veränderter Patientenbedürfnisse wird vor allem auch im Kontext der Akademisierungsprozesse der Gesundheitsberufe die Frage nach dem wirksamen Einsatz ihrer Potentiale zur Sicherstellung komplexer Versorgungsprozesse im Gesundheitssystem immer drängender. Aktuell bereiten gängige Konzeptionen für die Ausbildung im Pflegeberuf an deutschen Bildungseinrichtungen weder adäquat auf die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit noch auf die relevanten Kompetenzerweiterungen vor. Dieser Tatsache liegt ein meist funktionales Verständnis beruflicher Bildung zugrunde, das sich vorwiegend am Anspruch der gesellschaftlichen Nützlichkeit und Verwertbarkeit beruflichen Kompetenzerwerbs orientiert.
Vor diesem Hintergrund wird nun vielfach gefordert, die Handlungsautonomie des Pflegeberufs auszuweiten und den Berufsangehörigen weit reichende Verantwortungsbereiche zu übertragen (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen). Dabei widmet sich die in Deutschland kontrovers geführte Professionalisierungsdebatte nur bedingt dem Erfordernis individueller und beruflicher Autonomie als Voraussetzung einer erfolgreichen Professionalisierung der Pflege. Folglich ist generell zu fragen, ob die Berufs-angehörigen bereits über die zur Ausfüllung eines solchen autonomen Handlungsfreiraumes notwendigen Kompetenzen verfügen und wie diese durch gezielte Bildungsprozesse gefördert werden können.

Das Promotionsvorhaben möchte sich den Wirkmechanismen zwischen pflegeberuflichen Bildungsprozessen einerseits und deren Einfluss auf die Anbahnung, Förderung und Entwicklung autonomen Denkens und Handelns von Pflegenden im klinischen Berufsalltag andererseits empirisch nähern. Auf der Basis eines sowohl philosophisch als auch im Kontext sozialwissenschaftlicher Theorien der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung definierten Begriffs von Autonomie sollen im Wege einer qualitativen Untersuchung Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie es in der Pflege gelingen kann, Voraussetzungen für die Handlungsautonomie der Pflegenden über Prozesse der beruflichen Bildung zu stärken. Das Forschungsinteresse verweist auf aktuell relevante bildungs- sowie berufspolitische Implikationen, die eine (partielle) Akademisierung bereits im primärqualifizierenden Bereich der Pflege und eine generalistische Ausrichtung der Berufsausbildung betreffen (vgl. Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe). Die Dringlichkeit einer grundlegenden Strukturreform der Pflege-bildung wird von den deutschen Pflegeverbänden einvernehmlich betont. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Akademisierung der Pflege im unmittelbaren Kontext der Patientenversorgung zwar die evidenzbasierte Entscheidungsfindung im Pflegeprozess erleichtern und die Attraktivität des Pflegeberufs entscheidend verbessern kann, jedoch nicht automatisch die gewünschte Autonomie in der Berufspraxis mit sich bringen wird. Unabhängig von einer unstreitig notwendigen Pflegebildungsreform gilt es zu eruieren, welche bislang noch unbekannten Zusammenhänge zwischen geplanten und ungeplanten Bildungsprozessen und der Aneignung von Dispositionen autonomen Denkens und Handelns durch die Pflegenden existieren.

Eine Reihe theoretischer und empirischer Arbeiten im Bereich der allgemeinen Didaktik sowie der Berufs- und Wirtschaftspädagogik geben diesbezüglich erste Hinweise. Auch in pflegedidaktischen Ansätzen der deutschsprachigen Pflegebildungsforschung kommen Aspekte des Erkenntnisinteresses normativ zum Tragen, indem die zentrale Bedeutung der Förderung selbstreflexiver Denkprozesse sowie systematischer Problemlösungskompetenz in der Primärqualifikation für selbstbestimmtes Denken und Handeln im Beruf betont wird. Letztlich findet sich jedoch keine empirische Studie, die untersucht, wie sich autonomes Denken und Handeln im Pflegeberuf zeigt und welche Bildungsanlässe einen relevanten Beitrag zur Entwicklung individueller pflegerischer Handlungsautonomie leisten.

Dem Promotionsvorhaben liegt ein qualitatives Forschungsdesign zugrunde. In leitfadengestützten Interviews mit narrativen Anteilen sollen ausgebildete Pflegende zu den Bildungsprozessen befragt werden, die zum Erwerb der Dispositionen autonomen Denkens und Handelns geführt haben. Hierbei interessiert insbesondere die Deutung der individuellen (pflegerischen) Bildungsbiographie sowie die subjektive Bewertung konkreter Bildungsanlässe aus der Sicht der Pflegenden, um Erkenntnisse über Zusammenhänge zwischen der Pflegeausbildung einerseits und der Entwicklung von beruflicher Handlungsautonomie andererseits zu gewinnen. Das Sample wird im ersten Schritt durch qualitative Beobachtungen im Berufsfeld der klinischen Pflege gewonnen. Im Kontext der Auswertung der Beobachtungssequenzen sollen im zweiten Schritt unterschiedliche Typen realisierter Handlungsautonomie in der Pflege identifiziert, in eine Systematik gebracht und mit weiteren typologischen Varianzmerkmalen kombiniert werden. Aus der Analyse der anschließenden qualitativen Interviews, die die unterschiedlichen Bildungsbiographien von Pflegenden fokussieren, lassen sich Schlussfolgerungen für eine Theorieentwicklung zu den Wirkmechanismen zwischen pflegeberuflichen Bildungsprozessen und der Aneignung von Dispositionen autonomen Denkens und Handelns ableiten. Die Ergebnisse der Untersuchung können zukünftig vor allem für die Weiterentwicklung von pflegedidaktischen Modellen sowie für die Neukonzeption von Bildungsangeboten in der Pflege genutzt werden.

Kontakt:
Karin Radke, Juristin (Univ.), Diplom-Pflegepädagogin (FH)
Email: karinradke@online.de