Universität Bremen

Fachbereich 11

Demenzsensible nicht-medikamentöse Konzepte in Pflegeschulen: Bundesweite Vollerhebung der Vermittlung pflegerischer Kompetenzen in der Ausbildung, die zur nachhaltigen Verbesserung von Menschen mit Demenz in Akutkliniken beitragen

Leitung
Team
Auftraggeber: Schönwald-Stiftung

Laufzeit: Januar 2011 – August 2011 (8 Monate)

Problemhintergrund

Patient/innen in Akutkrankenhäusern werden immer älter. Das statistische Bundesamt 2010 geht davon aus, dass im Vergleich zu 2005 - hier waren 48 Prozent der Krankenhauspatienten 60 Jahre oder älter - 2030 über 55 Prozent dieser Alterklasse angehören. Etwa 20 Prozent werden älter als 79 Jahre sein. Mit steigendem Alter erhöht sich das Risiko, dass Patient/innen neben ihrer akuten Erkrankung eine Demenz aufweisen. Den Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (2008) zufolge muss bei über 84jährigen Patient/innen in etwa 25 Prozent der Fälle mit einer demenziellen Erkrankung gerechnet werden, bei über 89jährigen in 34 Prozent der Fälle. Trotz zunehmender Patient/innenzahlen1 und erheblichen Problemen in der Versorgung von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus fällt auf, dass es bislang national und international nur wenige Studien gibt, die Aussagen dazu liefern, wie eine patientenorientierte medizinische und pflegerische Versorgung demenzbetroffener Menschen im Krankenhaus gestaltet sein sollte2 (Kleina, T. & Wingenfeld, K. 2007; Kirchen-Peters 2009).
Für Menschen mit Demenz führt ein Krankenhausaufenthalt in der Regel zu einer Krisensituation mit Einbußen im Bereich der Selbstständigkeit und des kognitiven Status sowie zu einem vermehrten Auftreten problematischer Verhaltensweisen (Wingenfeld 2005). Zudem zählen demenzbetroffene Menschen im Krankenhaus zu einer äußerst vulnerablen Personengruppe mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, durch die mit der Krankenhauseinweisung verbundenen Belastungen (fehlende vertraute Bezugspersonen, veränderte hektische und laute Umgebung, ungewohnte Tagesstrukturen etc.) zusätzliche Gesundheitsbeeinträchtigungen3 zu erfahren (GSP 2007). Neben den negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patient/innen hat dies auch Folgen für die Gesundheitsausgaben durch überdurchschnittlich lange Krankenhausaufenthalte4, Drehtüreffekte (Entlassung, Einweisung etc.) und durch zu umgehende Heimeinweisungen sowie Verlegungen in Psychiatrische Krankenhäuser (Reichenwaldt & Diefenbach 2001). In der Konsequenz erweist sich für viele demenzbetroffene Patient/innen der Verlauf des Krankenhausaufenthaltes als maßgebend für den weiteren Krankheits- und Versorgungsverlauf.

„Insgesamt werden den Krankenhausmitarbeiter/innen bei der Versorgung demenzerkrankter eine ganze Reihe von fachlichen, sozialen und emotionalen Kompetenzen abverlangt, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet sind. (…) Dabei scheitert die Schaffung eines „demenz-freundlichen Milieus“ zum einen an einem mangelnden spezifischen Fachwissen quer durch alle Berufsgruppen, das die notwendige Sensibilisierung für die Situation der Demenzkranken verhindert“ (ebd.: 9). Auch die Pflegenden sehen bei sich selbst im Umgang mit demenzbetroffenen Patient/innen einen Mangel an fachlichen Kompetenzen und fühlen sich persönlich des Öfteren überfordert (GSP 2007; Rohrbach 2006; Mavundla 2000).

Angesichts der aufgezeigten Entwicklungen gewinnen grundsätzlich die Kompetenzen von angemessen ausgebildeter und möglichst kontinuierlich zur Verfügung stehenden Pflegepersonen mit Wissen über die adäquate Versorgung von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus zunehmend an Bedeutung. Um eine frühzeitige Auseinandersetzung der Pflegenden mit der Versorgung demenzbetroffener älterer Menschen im Krankenhaus sowie einen nachhaltigen Transfer von demenzsensiblen Konzepten zu gewährleisten, muss die Sozialisation mit dem Ziel der Integration entsprechender Maßnahmen idealerweise bereits in der Pflegeausbildung beginnen. Damit kann eine Pflegeschule bereits in einem frühen Stadium der beruflichen Sozialisation einen Beitrag zur Umsetzung demenzsensibler Konzepte leisten und zudem zu einer erhöhten Arbeitszufriedenheit und einem längeren Verbleib im Pflegeberuf beitragen.

Bislang ist allerdings wenig bekannt darüber, inwieweit das Thema Demenz bzw. die Vermittlung demenzsensibler Konzepte bundesweit in den Ausbildungsstätten thematisiert und in Form von gezielten Aktivitäten für zukünftig Pflegende praktiziert werden. Zudem liegen keine aussagekräftigen Daten dazu vor, welcher Stellenwert der Versorgung demenzbetroffener Menschen im Krankenhaus im Rahmen der Pflegeausbildung beigemessen wird und inwiefern die erforderlichen Kompetenzen dazu gezielt vermittelt werden. Dieser Forschungsbedarf soll mit dem vorliegenden Projektvorhaben aufgegriffen und in konkrete Empfehlungen transferiert werden.

Hypothesen und zentrale Forschungsfragen

Um bereits innerhalb der Pflegeausbildung und in der Pflegeschule demenzsensible Konzepte und einen Transfer in den beruflichen Pflegealltag nachhaltig zu verankern, ist es Ziel des Vorhabens, die Voraussetzungen und Bedingungen sowie die Einstellungen zur Versorgung demenzbetroffener Menschen an Pflegeschulen sowie die vermittelten/nicht vermittelten nicht-medikamentösen pflegerischen Konzepte über eine Online-Befragung der Schulleitungen zu erheben. Parallel erfolgt an einer Stichprobe von Pflegeauszubildenden eine Befragung hinsichtlich der Einschätzung ihres spezifischen Fachwissens zu Maßnahmen der Krankenhausversorgung Demenzkranker sowie demenzsensiblen Konzepten und Möglichkeiten der Verbreitung in den Krankenhausalltag. Aufbauend auf den empirischen Ergebnissen dieser Basisanalyse sollen bestehende Bedarfe aufgezeigt sowie zielgruppenorientierte Strategien und Maßnahmen entwickelt werden, die zur Verbesserung der Versorgungssituation und -qualität demenziell Erkrankter im Krankenhaus führen.
Das Forschungsvorhaben soll folgende zwei Haupthypothesen überprüfen:

A) Die Verbreitung demenzsensibler nicht-medikamentöser Konzepte im Krankenhaus wird erschwert durch den geringen Stellenwert von Therapie und Versorgung demenzerkrankter älterer Patient/innen an den Pflegeschulen (Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung)
In der derzeitigen pflegerischen Versorgung demenzbetroffener Menschen im Krankenhaus erfahren die durch eine Demenz bedingten Problemlagen eine zu geringe Aufmerksamkeit (Kleina & Wingenfeld 2007). Vor allem das Wissen über nicht-medikamentöse demenzsensible Maßnahmen ist in den Kliniken nur vereinzelt vorhanden (Kirchen-Peters 2009). Es ist demnach davon auszugehen, dass demenzsensible Konzepte, wie sie in den letzten Jahren vermehrt im Heimbereich Anwendung finden, in den Pflegeschulen wenig bekannt sind: Die Ergebnisse der in Kap. 1 vorgestellten Studien kommen insgesamt zu dem Schluss, dass die Pflegenden im Krankenhaus wenig vertraut sind im Umgang mit demenzsensiblen Konzepten zur Verbesserung der Kommunikation und zu demenzbedingten Verhaltensweisen (GSP 2007). Dabei nehmen gerade Menschen mit Demenz Unsicherheiten und andere nonverbale Äußerungen auf Seiten der betreuenden Personen in hohem Maße wahr und geraten dadurch auf Grund fehlender kognitiver Möglichkeiten häufig selbst in Unsicherheiten, was zu einer Negativspirale im Krankheitsbild führen kann. Gleichwohl könnten Grundsätze, Methoden und Konzepte zur pflegerischen Versorgung Demenzkranker, die bislang auf die Verhältnisse der ambulanten bzw. häuslichen oder stationären Langzeitversorgung zugeschnitten sind, durchaus auch in modifizierter Form auf die Krankenhauspflege übertragen werden (GSP 2007: 15).

B) Die Altenpflegeschulen verfügen im Gegensatz zu den Schulen der Gesundheits- und Krankenpflege über vielfältige Ansätze zur pflegerischen Versorgung demenzkranker älterer Menschen
Die meisten demenzsensiblen Konzepte sind auf die Verhältnisse der ambulanten bzw. häuslichen oder stationären Langzeitversorgung ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Versorgung demenzkranker Menschen in diesen Versorgungssettings im Rahmen der Altenpflegeausbildung ausreichend thematisiert wird. Im Zusammenhang mit einer zukünftig zu erwartenden gemeinsamen (generalistischen) Pflegeausbildung (vgl. u. a. DBR 2007; BMFSFJ 2008; Stöver, 2010) könnte auf diese Konzepte zurückgegriffen und um die Aspekte der Krankenhausversorgung demenzerkrankter Menschen erweitert werden (Kleina & Wingenfeld 2007).
Zentrale Forschungsfragen:
Pflegeschulen

  • Welche Vorstellungen haben die Lehrenden der Pflegeschulen über den Stellenwert der Versorgung demenzerkrankter Menschen im Krankenhaus?
  • Inwieweit sind nicht-medikamentöse demenzsensible Konzepte (z. B. spezielle Betreuung Delirgefährdeter, Milieugestaltung, spezielle Überleitungsbögen, Rooming-In, Entlassungsmanagement, Umgang mit herausforderndem Verhalten etc.) Bestandteil der Curricula an Altenpflegeschulen bzw. an Bildungseinrichtungen der Gesundheits- und Krankenpflege?
  • Werden besondere Kommunikations-, Validations- und Beobachtungsformen von Menschen mit Demenz vermittelt?
  • Gibt es von Seiten der Pflegeschulen gezielte Theorie-Praxis-Transfermaßnahmen zur Umsetzung demenzsensibler Konzepte?
Pflegeauszubildende
  • Wie sicher fühlen sich die Auszubildenden im Umgang mit herausforderndem Verhalten?
  • Wie schätzen die Pflegeauszubildenden selbst ihre erworbenen Kompetenzen im Umgang mit Demenzerkrankten im Krankenhaus ein?
  • Können die Auszubildenden demenzsensible Konzepte umsetzen, bzw. was könnte ihrer Meinung nach unternommen werden, um die Versorgung demenzkranker Menschen zu verbessern?
  • Haben die Pflegeauszubildenden bereits Probleme im Umgang mit demenzkranken Patient/innen erlebt und wie wurden sie gelöst?

Methodisches Vorgehen

Es wird eine bundesweite Erhebung an den Schulen der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege zum Thema Demenz bzw. dem Stellenwert und der Vermittlung demenzsensible Konzepte mittels eines Online-Fragebogens durchgeführt (Vollerhebung, ca. 1200 Schulleitungen).
Da die Pflegeauszubildenden als zukünftig professionell Pflegende eine Schlüsselrolle für die Umsetzung und Verbreitung demenzsensibler Konzepte im Krankenhaus einnehmen, erfolgt parallel zu der Befragung der Pflegeschulen eine Online-Erhebung an einer Stichprobe von Pflegeauszubildenden (n=1.000).

Zu erwartende Ergebnisse und Relevanz

Die bundesweite Erhebung an den Schulen der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege sowie die Befragung von Pflegeauszubildenden liefern erstmals empirisch fundierte Daten:
  • zur bisherigen Vermittlung und Umsetzung nicht-medikamentöser demenzsensibler Maßnahmen in Pflegeschulen
  • zur Integration und zum Stellenwert von Demenz bzw. demenzsensibler Konzepte innerhalb der Curricula
  • zu den Unterstützungsbedarfen der Pflegeschulen, um demenzsensible Konzepte systematisch in die Bildungseinrichtungen zu implementieren
  • zur Entwicklung pflegerischer Handlungskompetenz der Pflegeauszubildenden im Umgang und in der Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in Kliniken und
  • zum nachhaltigen Transfer und Verbreitung nicht-medikamentöser demenzsensibler Konzepte im Krankenhaus
Anhand der Ergebnisse der Basisanalyse werden zielgruppenspezifische Handlungsempfehlungen bzw. Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung demenzkranker Menschen im Krankenhaus formuliert. Hierbei liegt insbesondere der Fokus auf Pflegeschulen und Pflegeauszubildende mit der Intention, die Verbreitung demenzsensibler Konzepte im Akutkrankenhaus über zukünftig professionell Pflegende - sie fungieren als Multiplikatoren in den Krankenhäusern - nachhaltig zu verankern. Damit verbunden sind mittel- bis langfristige Effekte, die einerseits zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen im Krankenhaus bzw. zur Verbesserung der Versorgungsqualität beitragen und andererseits in einer Reduzierung der Arbeitsbelastungen der Pflegenden und einer erhöhten Arbeitszufriedenheit gesehen werden.



1 Bislang liegen keine nationalen und internationalen Studien vor, die ausschließlich das Vorkommen demenzieller Erkrankungen bei Patient/innen in Akutkrankenhäusern untersuchen. Es finden sich lediglich einige Untersuchungen, die sich im Allgemeinen mit der psychiatrischen Mobilität von Krankenhauspatienten beschäftigen bzw. die Validität von Testinstrumenten untersuchen und vor diesem Hintergrund Prävalenzraten demenzieller Erkrankungen ermitteln. Auf der Grundlage dieser Studien liegt der Anteil der Patient/innen mit demenziellen Erkrankungen bei mindestens 10% (GSP 2007).
2 Die meisten Ansätze zur Verbesserung der Lebens- und Versorgungssituation demenzerkrankter Menschen sind auf die Verhältnisse der ambulanten/häuslichen oder stationären Langzeitversorgung zugeschnitten, die insbesondere auf eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und den Ausbau von Unterstützungsangeboten für die häusliche Umgebung abzielen (GSP 2007).
3 In diesem Zusammenhang weisen Hafner & Meier (2005) sowie Karlsson (1999) darauf hin, dass gerade der Umgebungswechsel und der Gebrauch bestimmter Medikamente ursächlich an der Entwicklung eines Delirs beteiligt sind, was zu einem überdurchschnittlich hohen Auftreten bei demenzerkrankten Menschen führt (GSP 2007). Zudem sind nach Dinkel & Lebok (1997) demenzerkrankte Patient/innen überproportional häufig von nosokomialen Infektionen betroffen.
4 Die Ergebnisse einer Studie an deutschen Krankenhäuser zeigen, dass die Verweildauer demenzerkrankter Patient/innen im Vergleich zu Patient/innen mit gleicher somatischer Diagnose mehr als doppelt so hoch ist (Friedrich & Günster 2005).